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Der Namenstag

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Caruso wird langsam ungeduldig.

Er sitzt schon eine Weile auf der Unterlippe des schlafenden Genossen und beobachtet ihn scharf. Zwischendurch steckt er seine Fühler in dessen Nasenlöcher, um ihn aufzuwecken. «Hat der einen Schlaf!» Dann scharrt er mit den Hinterbeinen. Nichts wirkt.

Draussen warten die andern Tiere. Sie lachen:«Der schnarcht ja wie eine Motorsäge!»

Caruso verliert die Geduld. Er stimmt «O sole mio» an, ein Lied, das sein Kollege Enrico Toselli für ihn geschrieben hat. Enrico ist berühmt, er hat als Ghost Writer für Mozart ein paar unvergessliche Werke geschrieben. Das wird aber verheimlicht. Caruso singt und kitzelt zwischendurch des Genossen Nasenlöcher.

Ein «Hatschi!» katapultiert ihn durch den Wohnraum, in die Küche und direkt in die Schüssel mit Schlagrahm, die der Genosse zum Kühlhalten ans Fenster gestellt hatte. Da steckt er jetzt und spult wie ein Trabant im Schnee. Zum Glück kann er sich befreien und ruft ein paar Bienen zu sich. Die Schleckmäuler reinigen ihn flugs von der schaumigen Pracht.

Unser Genosse ist jetzt hellwach, weiss aber nicht, wo er sich befindet. Im Traum war er in der Sahara, sass mit einigen Beduinen im Zelt des Stammesfürsten und ass Couscous. Jetzt steht er im Pyjama am Fenster und sieht nur Berge und Schnee. «Zauberei?» murmelt er, schüttelt den Kopf und bringt seine Blutzirkulation in Gang. Er sieht Caruso mit den Bienen in der Küche. Jetzt dämmert es ihm. Er geht ins Badezimmer, um sich für den Tag bereit zu machen.

Dann eilt er zum Bahnhof. Er will den Frühzug erreichen, um pünktlich am Ziel zu sein. Die Tiere folgen ihm. Ausser Caruso, dem ist es zu kalt draussen. Der «Rote Pfeil» wartet schon. Der Genosse schaut sich um. Er scheint der einzige Passagier zu sein.

Doch die drei hinteren Wagen waren für den Hirsch und sein Gefolge reserviert. Benedikt Weibel von der SBB hatte ihm einen Rabatt gewährt. Doch von all dem wusste unser Genosse nichts, als der den Zug bestieg.

Er geniesst die Fahrt. Vom Viadukt aus schaut er fasziniert in die Tiefe und wendet dann seinen Blick dem Gebirge zu. Da steht es, das «Berggasthaus Ida», sein Lieblingsrestaurant, von dessen Terrasse aus er der Welt seinen Namen preisgeben will.

Der Bus bringt ihn zum Gasthaus. Zuerst gibt es ein währschaftes «Zmorge.» Der Hirsch und seine Kumpanen essen draussen - vegetarisch. Idas Preise können sie sich nicht leisten.

Es ist erst neun Uhr. Unser Frühaufsteher putzt sich die Mundwinkel und schreitet dann feierlich in Richtung Terrasse. Sein Herz schlägt wie verrückt. Jetzt ist der Moment gekommen, der Öffentlichkeit seinen Namen zu verkünden. Der Himmel hat sich in ein festliches Blau gehüllt und die Sonne ist auf 898'000 Volt.

Er steht an der Brüstung, atmet tief ein, hält einen Moment inne und ruft seinen Namen in die Welt hinaus. «eeeep... eeep... eep..» hallt es zurück. «Ein Genosse?», fragt er sich verblüfft.«Der käme wie gerufen. Also nochmals, noch lauter: «Sepp!» und wieder kommt dasselbe «eeeep... eeep... eep... »zurück.