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Lust auf Abendluft

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Sepp wandert über die Matten und geniesst die Stimmung.

Zufrieden summt er vor sich hin. Da sieht er einen Mann. Der steht unter einem Baum und schaut zum Sepp herüber. Der Fremde trägt Frack und Zylinder. In der rechten Hand hält er einen Zauberstab, den er zu verbergen versucht. Er macht einen traurigen Eindruck.

Sepp geht auf ihn zu und sagt herzlich: «Grüezi, wie gahts?»

«Es geht so», antwortet der Mann in gebrochenem Denglisch. Sepp hakt nach: «Sind Sie nicht zufrieden?» Der Fremde schaut traurig ins Tal und dann dem Sepp in die Augen: «Ich habe heute noch keinen Auftrag hereingeholt.»

«Das ist doch keine Schande», entgegnet Sepp. «Arbeite für mich, ich suche einen Melker.»

«Mein Arbeitgeber lässt das nicht zu. Konkurrenz-Klausel, weisst du und so.»

«Was verkaufst du denn?», will Sepp wissen.

«Schau, mein Boss stellt mir die Aufgabe, schöne Orte zu finden, die ich ausschmücken soll, um die Menschen glücklich zu machen», seufzt der Mann.

«Hier gibt es nichts zu schmücken. Es war schön, bevor ich mich da niedergelassen habe. Ich bin zufrieden.»

«Nein», siehst du», sagt der Befrackte und fragt den Sepp nach seinem Namen. «Sepp», antwortet der. «Sepp, es ist doch so», sagt der Fremde und legt seine Hand auf Sepps Schulter: «Um glücklich zu sein, musst du doch Geld haben!»

Sepp schaut ihn an und schweigt.

«Weisst du, ich zaubere, äh ich arbeite, für Starbucks.»

«Was ist das?», fragt Sepp.

«Die verbreiten Kaffeekultur in der Welt.» Jetzt lacht er und fährt fort: «Wenn du in deinem Ort ein Starbucks Cafe aufmachst, machst du mich zum Star und du machst die Bucks.»

«Kann ich meine eigene Milch verwenden?» fragt Sepp. «Nein, wir liefern sie.» Sepp runzelt die Stirn: «Kann ich im Cafe Ländlermusik spielen?» «Nein, nur unsere Eigenproduktionen.»

Sepps Stirne runzelt sich weiter: «Kann ich meine Käsebrote verkaufen?» «Nein, wir haben unsere eigenen Sandwiches.» Sepps Stirne wird zum Wellblech, er denkt an Wilhelm Tell. Den Gedanken an die Armbrust verscheucht er freundlicherweise.

«Kann ich wenigstens das Schild vor dem Cafe selber malen?»
Der Fremde wird jetzt deutlicher: «Sieh mal Sepp, wenn du die Bucks machen willst, musst du das Maul halten können.»

Auch Sepp spricht Klartext: «Schau mal lieber Zauberer: Giuseppe, il Ticinese, wäre unglücklich, deinen Kaffe trinken zu müssen. Jacques liebt einen echten Café au Lait, und Gion hat auch seine Kaffeetradition. Wir würden unsere Freundschaft gefährden. Vielleicht schaust du mal über der Grenze nach Orten, die du verschönern kannst. Sonst kommst du zurück als Melker. Der Stall ist offen.»