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Im Rampenlicht

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Schneeflocken und deren Reflexe verzaubern das Bühnenbild.

Die Schneeflocken und deren Reflexe verzaubern das Bühnenbild. Kein Laut ist zu vernehmen. Die Natur schenkt dem kommenden Geschehen ihre Aufmerksamkeit. Sie weiss, dass etwas Seltenes beforstand. Der Platzhirsch steht am Rand der Waldlichtung und freut sich auf den Auftakt. Auch er genoss einst dieses Rampenlicht. Das war mit Felix Mendelssohn Bartholdy's Psalm 42 op.42, «Wie der Hirsch schreit'.» Es unterliefen ihm einige Faux-pas, doch niemand erwähnte es. Er wusste um sein Talent, auch dass er es kultivieren musste, was er heute noch praktiziert.

Dem Adler im Horst geht Ähnliches durch den Kopf. Er ist eine Berühmtheit in diesem Landstrich. "Blackbird" von den Beatles war sein Stück gewesen. Er war damals im richtigen Alter, verrückt, ungekämmt, rebellisch und fast nie zu Hause. Die Mädchen hatten es ihm angetan, und er liebte es, sich vor ihren Augen vom Horst aus in den Abgrund zu stürzen. Die Mädchen schrien jedes Mal entzetzt und atmeten erlöst auf, wenn er in den Horizontalflug überging. Auch er wusste diesen Abend zu schätzen. Er wartete gespannt.

Sami, die Waldmaus, sitzt friedlich und entspannt im warmen Moos, welches einen grossen Felsen bedeckte. Es ist der Aussichtsort, den er an freien Sonntagen mit Minnie, seiner Gespielin teilt. Hier sitzen sie dann und knabberten an den besten Nüssen aus dem nahen Wald. Minnie betet Sami an. Sie pflegt sein seidenes Fell und stutzt ihm die Krallen. Er träumt davon, einmal, in ferner Zukunft, ins Kino zu gehen, mit Coca Cola und Pop Corn vor der Breitleinwand zu sitzen, den Stereosound in den Ohren und mit Minnie im Arm «Indiana Jones» anschauen zu dürfen.


Mit pochendem Herzen steht unser Genosse im tiefen Schnee. Gott sei Dank hatte er sich vor dem Verlassen des Hauses warm angezogen. Er konnte es also noch eine Weile aushalten. Die Bühne für den Auftritt ist hell erleuchtet. Alle Sterne sind da, auch die jüngsten dürfen länger draussen bleiben. Eine Sternschnuppe gibt das Zeichen zum Auftritt.

Die Zuschauer blicken gespannt auf die Bühne. Ein Schnee bedeckter Berg, der sich vom dunkelblauen Nachthimmel abhebt, steht mitten drin.

Die Beleuchtung ist meisterhaft und dramatisch. Diese Inszenierungen waren schon weitherum bekannt, sogar Hollywood war an einer Verfilmung interessiert. Ein Produzent war auch schon auf Besuch hier und köderte sie mit dem Oskar. Alle winkten ab. Man wollte keinen Oskar, keinen der nur mit verschränkten Armen herum stand und sich noch mit goldener Farbe angemalt hatte.

Die Spannung nimmt zu, das Publikum wartet ungeduldig. Etwas Aussergewöhnliches liegt in der Luft. Plötzlich taucht ein Schatten auf. Er bewegt sich auf dem Schnee zum Bühnenrand, ihm folgt sein Zwillingsbruder aus der Realität, der Steinbock. Mit einer Eleganz sondergleichen steuert er auf einen Felsvorsprung zu. Es ist still, er geniesst die Dramatik und schaut mit halb geschlossenen Augen zum Publikum hinüber. Jetzt setzt das Klavier ein. Bei den ersten Klängen erkennen die Anwesenden, dass es sich unzweifelhaft um Mussorgskys «Bilder einer Ausstellung» handelt. Was für ein Wagnis! Ein Schaudern geht durch die Menge.

Der Steinbock hatte das erste Stück der Suite gewählt: «Die Promenade», Klavierkonzert solo. Er fühlte sich ganz Avantgarde. Das war seine Stunde, er nutzte sie. Seine Darstellung raubte allen den Atem. Der Fels war seine Bühne. Er bewegte sich im Gleichklang der Musik, machte an den höchstgelegenen und gefährlichsten Stellen am Fels längere Pausen und überliess dem Pianisten die Ehre der Bewunderung. Er setzte seine Schau dort fort, wo er den stärksten Eindruck hinterliess. Die Zuschauer schauderten und hörten genussvoll ihr Herz rasen. Diese Nacht ging in die Geschichte ein. Die Erwartung für den nächsten Darsteller, voraussichtlich im nächsten Schaltjahr, war gross. Unser Steinbock geniesst den tosenden Applaus und geht so eindrucksvoll von der Bühne, wie er sie betreten hatte. Seither trägt dieser Landstrich den Steinbock im Wappen.