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Fahrt zur Hölle

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Trafalgar Square. Es ist lange nach Mitternacht.

Der Regen peitscht Sepp ins Gesicht und zwingt ihn, die Augen zuzukneifen. Er sucht Schutz unter einem Baldachin. Da sieht er ihn, gross, schlank und drahtig. Ganz in Schwarz, das Gesicht hinter einem schwarzen Seidenhalstuch verdeckt.

Sepp schaudert es. Trotzdem spricht er ihn an.

«Wo ist der nächste Taxistand?» fragt er den Fremden. «Go to hell», kommt es kratzend hinter dem Halstuch hervor. «Wie bitte?» fragt Sepp. «Go to hell», krächzt der Fremde und zeigt in Richtung Osten.

Sepp denkt nur eines: «Weg hier» Nach langem Suchen erreicht er endlich sein Hotel. Bald steht er unter der Dusche und wäscht sich den Schrecken von der Haut. Später, nach den Nachrichten, liegt er im Bett und denkt über dieses «Go to hell» nach.

Beim Frühstück hat er den Entschluss gefasst.

«Ein Ticket to Hell und retour, bitte»,
sagt er zur Reisebüroverkäuferin. «Sorry, wir haben keine Tickets mit Rückfahrt. Es gibt nur Hinfahrten.» Sepp lehnt lässig am Schalter und reagiert so, wie er in solch harmlosen Situationen immer reagiert: «Okay, aber erste Klasse bitte.»

Jetzt steht er im Wartezimmer zur Hölle. Starker Schwefelgeruch füllt den Raum, Russ klebt an den Wänden. Es riecht nach verbrannter Haut. Die Hitze macht Sepp zu schaffen: «Wird da grilliert?», stupft ihn ein Gedanke.

Plötzlich wird er von hinten gepackt. Zwei Unsichtbare führen ihn durch einen langen Gang. Er hört Schreie und höllisches Gelächter aus den anliegenden Räumen. Eine Flügeltüre wird aufgestossen. Sepp fliegt nach vorne und fällt zu Boden. Sein Koffer landet vor schwarzen Füssen. Die gehören dem Ungeheuer, welches auf Sepps Koffer starrt.

Es grinst und zeigt seine schwarz polierten Zähne. «Hey, du mutiger Schweizer, das ist mir noch nie passiert.» Sein Lachen donnert durch die grosse Halle, seine Atemluft lässt die Schatten der Höllenflammen noch wilder auf den Wänden des Thronsaals tanzen. «Was hast du zu bieten?»

Sepp findet seine Frechheit zurück und erinnert sich an Gions Bündnerkäse, Jacques Fendant und an Giovannis Brot aus dem Centovalli. All das liegt im Koffer. «Zum Glück ist es ein Samsonite», denkt er, «da drin geht nichts kaputt.»

«Es Fondue» sagt er zum Ungeheuer: «Figugegel sagen wir dazu.» Jetzt lächelt er wie ein raffinierter Banker. Der Teufel tappt in die Falle und befiehlt: «Zeigs mir!»
Sepp mit einem vielversprechenden Lächeln: «Überlass mir die Küche, und du wirst es erleben.»

Sepp trägt den Koffer in die Küche und scheucht das Personal hinaus. Jetzt tut er das, was jeder gute Schweizer einmal im Winter tut: Fondue kochen.

Eine halbe Stunde später sitzt er mit Luzifer, so nennt sich der Hässliche, beim Fondue. Diesem gefällt die zweizackige Gabel und er geniesst das Aufspiessen des Brotes. Der Fendant macht ihn schläfrig, der Käse träge.

Sepp ergreift cool seine Chance: «Das kannst du jeden Tag haben, wenn du willst.» Er weiss, niemand sagt nein zu seinem Fondue. «Gut, mein mutiger Schweizer, wo hast du den Käse?», will Luzifer wissen. Sepp schaut ihm unschuldig in die Augen: «Eure Hoheit, auf der Alp, kühl gelagert. Ich muss ihn dort holen. Besorgt mir ein Ticket Schweiz retour und euer Traum geht in Erfüllung.»
«OK», willigt Luzifer ein und lässt dem Sepp ein Ticket ausstellen.

Drei Wochen später erwischt es Sepp mit einem Hexenschuss. Exakt zum gleichen Zeitpunkt, als Luzifer erkennt, dass ihm dieser Schweizer einen schönen Käse erzählt hat.