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Der Kuckucks-Ruf

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Er ist grad im Begriff, sich in einen neuen
Traum einzufädeln, da passiert es.

Sepp liegt auf einem gefällten Baumstamm. Plötzlich hört er ein Geräusch, setzt sich auf und schaut auf seine Armbanduhr. «Was soll denn das?» lacht er, «die hab ich ja noch gar nicht erfunden.»

Cementit, Uhr, «Kuckuck», «Kuckuck», tönt es aus dem Wald.

Sepp steht auf und bewegt sich vorsichtig in die Richtung des Geräuschs. Es dauert eine Weile, da entdeckt er den Verursacher. Ein Vogel, am Stamm einer Tanne festgekrallt, trommelt unablässig mit dem Schnabel in die Rinde.

«Welch schlauer Kerl, er nutzt das Holz als Klangkörper.» Wie wenn der Vogel seine Gedanken gelesen hätte, trommelt er beflissen weiter. «Was für ein Beat! Das muss ich Sami erzählen.» «Kuckuck!» antwortet ihm der gefiederte Perkussionist.

Sepp kehrt zurück zu seinem Baumstamm, setzt sich und geniesst mit geschlossenen Augen den rhythmischen Klang. Bald fällt er in einen kurzen, tiefen Schlaf.

«Hatschi!» Haarige Laufbeinchen auf seiner Nase haben ihn soeben aus dem Traum gekitzelt. Er war gerade damit beschäftigt gewesen, ein Paket zu schnüren, weiter ist er nicht gekommen. Aber das Wichtigste hatte er in seinem Gedächtnis behalten.

Die vorwitzige Waldspinne macht sich schleunigst davon. Aus sicherer Distanz beobacht sie ihn. «Der sieht aber freundlich aus», denkt sie. Sepp kratzt mit einem scharfen Stein Harz vom Stamm und schaut nochmals kurz zum Vogel auf.

Etwas benommen vom Traum macht er sich auf den Heimweg. Er trägt das frische Harz mit sich. «Das sieht ja aus wie Cementit.» Die Spinne folgt ihm in sicherem Abstand, mit grossen Schritten und ausser Atem. Von weitem hört sie den Kuckuck, wie er Würmer und haarige Raupen aus der Baumrinde klopft. «Was für ein Gourmet» denkt sie und freut sich, nicht zur Beilage zu gehören.